Zwei gleich alte Häuser, zwei ganz verschiedene Dachböden
Zwei Mietshäuser in derselben Straße sind beide um 1895 gebaut und haben beide einen leeren Dachboden. Im einen steht man hinter der Straßenfassade fast überall aufrecht, im anderen nur in einem schmalen Streifen unter dem First. Den Unterschied macht die Dachform, nicht das Baujahr. Sie legt fest, wo die Stehhöhe liegt, wie viel Wohnfläche am Ende zählt und wo Gauben und Fenster Platz finden.
In Berlin begegnen uns sechs Formen immer wieder. Das Berliner Dach und die Mansarde prägen die Mietshäuser der Gründerzeit. Das Satteldach mit Kehlbalkenlage sitzt auf Landhäusern der 1910er-Jahre und auf Mietshäusern der Zwischenkriegszeit. Walmdächer tragen die Villen der Vororte, steile Satteldächer die Siedlungshäuser und flach geneigte Dächer den Zeilenbau der Nachkriegsjahre. Jede dieser Formen hat eine Stelle, an der der Ausbau seine Stärke ausspielt.
Das Berliner Dach: steil zur Straße, fast flach darüber
Wer in Prenzlauer Berg oder Friedrichshain vom Gehweg nach oben schaut, sieht über der Traufe eine steile, mit Pfannen gedeckte Fläche. Die db deutsche bauzeitung beschreibt das Berliner Dach als besondere Dachform traufständiger Mietshäuser der Gründerzeit. Die steile Fläche ist etwa ein Geschoss hoch und geht nach einem Knick in ein sehr flaches Dach über, gedeckt mit Pappe oder Blech. Von der Straße aus wirkt das Haus dadurch, als trüge es ein gewöhnliches Satteldach.
Typisch ist eine Neigung um 60 Grad zur Straße, zum Hof hin liegt die Fläche meist flacher, um 45 Grad. Diese Gradzahlen sind Richtwerte aus der Fachliteratur und schwanken von Haus zu Haus. Der flache Teil wurde häufig als Holzzementdach ausgeführt. Konstruktiv gilt das Berliner Dach als vereinfachte Mansarde, und der Raum darunter diente als Trockenboden und Abstellraum.
Hinter der steilen Straßenseite
Die steile Fläche steht beinahe wie eine schräge Wand im Raum. Hinter ihr entsteht deshalb ein breiter Streifen mit voller Stehhöhe, der sich für Wohnräume mit Blick zur Straße eignet. Zum Hof fällt die Höhe wegen der flacheren Neigung schneller ab. Dort finden Bad, Abstellraum und Schränke unter der Schräge ihren Platz. Wie viel Höhe unter dem flachen Oberteil bleibt, hängt davon ab, wie hoch der Knick über der obersten Decke liegt.
Licht kommt über Gauben in der steilen Fläche oder über Dachfenster. Ein Rettungsfenster im Dach darf mit seiner Unterkante oder einem vorgelagerten Austritt höchstens 1 Meter waagerecht von der Traufkante entfernt sein. So regelt es § 37 Abs. 5 BauO Bln. Ob ein Fenster in der steilen Fläche diese Zone erreicht, hängt von der Lage des Fußbodens zur Traufe ab. Das prüft der Planer im Schnitt, bevor die Fensterachsen festliegen.
Der flache Oberteil: Terrasse und Fläche für Solarmodule
Der fast ebene Oberteil ist die naheliegende Fläche für eine Terrasse auf dem Dach. Dafür braucht er eine neue Abdichtung, einen Unterbau, den der Tragwerksplaner nachrechnet, und eine Umwehrung nach § 38 BauO Bln. Bei mehr als 12 Metern Absturzhöhe muss die Brüstung mindestens 1,10 Meter hoch sein.
Wird beim Ausbau die wasserführende Schicht erheblich erneuert, greift außerdem das Solargesetz Berlin. Es verlangt dann Photovoltaik auf mindestens 30 Prozent der Nettodachfläche. Terrasse und Module teilen sich also den Oberteil, und ihre Aufteilung gehört früh in die Planung.
Mansarddächer über hohen Vorderhäusern
In Charlottenburg tragen viele Vorderhäuser rund um den Savignyplatz steile Mansarddächer. Die Mansarde hat zwei Neigungen: unten eine sehr steile Fläche, darüber eine deutlich flachere. Der steile Teil ergibt innen fast senkrechte Wände und damit Räume, die sich wie ein gewöhnliches Geschoss nutzen lassen. Unter dem flachen Oberteil bleibt oft noch ein Spitzboden, der als Schlafebene oder Stauraum dient.
Gauben sitzen bei der Mansarde meist direkt in der steilen Fläche und reihen sich über der Traufkante auf. In einer geschlossenen Straßenfront fällt jede Abweichung in Breite und Höhe auf. Die Planung nimmt deshalb die Fensterachsen der Fassade auf. Für Dachfenster in der Mansarde rechnen wir nach unseren Erfahrungswerten mit dem Faktor 1,15 auf den Fensterpreis, wie bei Schiefer oder Biberschwanz.
In Weißensee sitzt die Mansarde auch auf kleineren Mietshäusern. Dort liegt der Gedanke nahe, das Dach mit der Wohnung darunter zur Maisonette zu verbinden. In sozialen Erhaltungsgebieten ist eine solche Dachgeschoss-Maisonette nach der Verwaltungsvorschrift von 2026 nicht genehmigungsfähig. Ob das Haus in einem solchen Gebiet liegt, fragt der Planer vor dem Entwurf beim Bezirksamt ab.
Satteldach mit Kehlbalkenlage: zwei Ebenen unter einem First
Im Rheingauviertel in Wilmersdorf stehen Häuser aus den 1910er-Jahren mit hohen Steildächern im Landhausstil. Unter solchen Dächern verbindet eine Kehlbalkenlage die Sparren in einiger Höhe über dem Dachboden. Sie teilt den Raum in zwei Ebenen: unten die künftigen Wohnräume, oben den Spitzboden unter dem First. Bleibt die Balkenlage, legt ihre Höhe fest, wie hoch die Räume darunter werden.
Wer mehr Luft möchte, öffnet den Spitzboden zur Galerie. Die Kehlbalken bleiben dann als sichtbare Hölzer im Raum, oder eine andere Konstruktion übernimmt ihre Aufgabe. Weil Kehlbalken die Sparren gegeneinander abstützen, ändert sie niemand ohne Rechnung des Tragwerksplaners. Ähnliche Dächer tragen die Mietshäuser der Zwischenkriegszeit in Treptow, wo die Gaube in der Reihe ein häufiger Wunsch ist.
Wird der Spitzboden Wohnraum, zählt seine Fläche nach § 4 WoFlV erst ab 1 Meter Höhe und bis 2 Meter nur zur Hälfte. Als Bodenraum zählt er nach § 2 Abs. 3 WoFlV gar nicht. Ist er nur über eine Einschubtreppe erreichbar, bleibt er Stauraum. Einschiebbare Treppen erlaubt § 34 Abs. 2 BauO Bln nur in den Gebäudeklassen 1 und 2 als Zugang zu Dachräumen ohne Aufenthaltsraum.
Walmdächer auf Villen und Landhäusern
In Lichterfelde West, in Frohnau oder in Karlshorst tragen viele Villen ein Walmdach. Beim Walm fallen alle vier Seiten zum Rand hin ab, der First ist deshalb kurz. Beim Zeltdach schrumpft er sogar auf einen Punkt. Die volle Stehhöhe sammelt sich in der Mitte des Dachraums und nimmt zu allen Seiten hin ab. Für eine Einliegerwohnung heißt das: Flur und Wohnraum in die Mitte, Bad und Abstellraum an die Ränder.
Gauben in den Walmflächen holen am Rand Höhe zurück und bringen Licht aus mehreren Himmelsrichtungen. Viele Villengebiete stehen unter Denkmal- oder Ensembleschutz. Nach den Rahmenvorgaben des Landesdenkmalamts bleiben Trauf- und Firsthöhe sowie die Dachneigung dann erhalten. Originale Eindeckungen werden bewahrt oder in Form und Material gleich repariert. Die Gaubenform klärt der Planer mit der Unteren Denkmalschutzbehörde des Bezirks, bevor die Zeichnung steht.
Steile Siedlungsdächer der 1920er und 1930er
Ein Siedlungshaus in Zehlendorf, in Mahlsdorf oder in der Gartenstadt Neu-Tempelhof hat meist ein steiles Satteldach über einem knappen Grundriss. Der Kniestock ist oft niedrig, und oben endet der Dachraum in einem kleinen Spitzboden. Unter dem First reicht die Höhe für ein Zimmer, an den Traufseiten bleibt nur ein schmaler Streifen nutzbar. Mehr Stehhöhe bringt hier eine Gaube, die auf einer Dachseite die hohe Zone nach außen schiebt.
In einer Reihenhaussiedlung wie dem Fliegerviertel in Tempelhof berührt jede Gaube das Bild der ganzen Zeile. Form, Breite und Eindeckung können dann Bebauungsplan oder Denkmalschutz vorgeben. Ein freistehendes Siedlungshaus gehört in der Regel zur Gebäudeklasse 1. Für Wohngebäude der Gebäudeklassen 1 und 2 gilt die Raumhöhenregel des § 47 Abs. 1 BauO Bln nicht, die Planung richtet sich dann nach Nutzung und Wohnfläche.
Flach geneigte Dächer der Nachkriegszeit
In Steglitz stehen neben der Gründerzeit viele Zeilenbauten der 1950er und 1960er. Im Bayerischen Viertel in Schöneberg wurde nach den Kriegsschäden vieles mit flacheren Dächern wieder aufgebaut. Diese Satteldächer sind flach geneigt, unter dem First bleibt wenig Höhe. Als Stauraum oder Schlafebene leistet der Raum trotzdem gute Dienste.
Ein Zimmer mit voller Höhe entsteht dort mit einem höheren Kniestock, einer breiten Gaube oder einem neuen Geschoss. Für deutlich mehr Wohnraum spielt die Aufstockung in Holzbauweise auf solchen Häusern ihre Stärke aus. Bei der ersten Aufstockung um ein Geschoss sind die Abstandsflächen nach § 6 Abs. 12 BauO Bln unbeachtlich. Das Verfahren läuft in der Regel als vereinfachte Baugenehmigung nach § 63.
Sechs Dachformen im Vergleich
| Dachform | Typischer Bestand in Berlin | Wo die Stehhöhe liegt | Was der Ausbau meist braucht |
|---|---|---|---|
| Berliner Dach | traufständiges Mietshaus der Gründerzeit | hinter der steilen Straßenseite, unter dem flachen Oberteil je nach Knickhöhe | Gauben oder Dachfenster in der Steilfläche, neue Abdichtung oben |
| Mansarddach | großbürgerliches Vorderhaus, kleineres Mietshaus | fast im ganzen unteren Dachteil | Gauben in der steilen Fläche, Anschluss an die Traufkante |
| Satteldach mit Kehlbalkenlage | Landhaus der 1910er, Mietshaus der Zwischenkriegszeit | unter der Kehlbalkenlage | Entscheidung für Galerie oder geschlossene Decke, Statik für jede Änderung |
| Walmdach | Villa, Landhaus | in der Mitte des Dachraums | Gauben in den Walmflächen, oft Abstimmung mit der Denkmalbehörde |
| Steiles Siedlungsdach | Siedlungs- und Reihenhaus der 1920er und 1930er | schmaler Streifen unter dem First | Gaube für Stehhöhe, Spitzboden als Stauraum |
| Flach geneigtes Satteldach | Zeilenbau und Wiederaufbau der 1950er und 1960er | kaum volle Höhe | höherer Kniestock, breite Gaube oder Aufstockung |
Die Tabelle beschreibt den typischen Fall. Einzelne Häuser weichen ab, weil Dächer umgebaut, nach dem Krieg ersetzt oder schon einmal ausgebaut wurden.
Was für jede Dachform gilt: Höhe, Brandwand, Denkmal
Ob unter einem Dach ein Aufenthaltsraum entstehen kann, regelt § 47 Abs. 1 BauO Bln. Im Dachraum verlangt er 2,20 Meter lichte Höhe über mindestens der Hälfte der Netto-Raumfläche. Die Zonen bis 1,50 Meter Höhe lässt diese Regel außen vor. Die Wohnfläche folgt einer eigenen Regel: Nach § 4 WoFlV zählt sie ab 2 Meter voll und zwischen 1 und 2 Metern zur Hälfte. Beide Angaben haben den Stand September 2026, und wir gleichen sie vor jedem Angebot mit dem Planer ab.
Im geschlossenen Berliner Block stehen links und rechts Brandwände. Dachfenster und Gauben brauchen nach § 32 BauO Bln mindestens 1,25 Meter Abstand zu ihnen. Bei Dachfenstern entfällt der Abstand, wenn die Brandwand mindestens 0,30 Meter über die Bedachung geführt ist. Steht das Haus unter Denkmalschutz, sind straßenseitige Einschnitte in die Dachfläche unzulässig, ganz gleich, welche Form das Dach hat.
Im unbeplanten Innenbereich fällt der Ausbau zu Wohnzwecken samt neuer Gauben in der Regel unter die Genehmigungsfreistellung nach § 62 BauO Bln, die Bauaufsicht kann aber ein Verfahren verlangen. Welche Unterlagen dafür zusammenkommen, erklärt der Beitrag zur Genehmigung des Dachausbaus.
Wie wir die Dachform beim Termin lesen
Beim Termin auf dem Dachboden messen wir zuerst, wie hoch Knick, Kehlbalken und First über der obersten Decke liegen. Danach sehen wir uns Sparren, Pfetten und Stützen an und suchen Schornsteinzüge und Brandwände. Aus diesen Maßen zeichnen wir einen ersten Schnitt, der zeigt, wo die 2,20 Meter erreicht sind und wo eine Gaube Höhe schafft. Die Tragfähigkeit rechnet danach ein Tragwerksplaner, den wir früh dazuholen.
Unter Berliner Dächern arbeiten wir als Meisterbetrieb und Teil der WRS Gruppe, in der über 150 Jahre Meisterhandwerk zusammenkommen. Für Gauben und Dachstuhl arbeiten wir mit festen Partnerbetrieben der Zimmerei, eingespielt über Jahre gemeinsamer Baustellen. Für Sie bleibt es ein Vertrag, ein Bauzeitenplan und ein Ansprechpartner vom Aufmaß bis zur Abnahme.
Wo Sie tiefer einsteigen können
- Gauben nach Bauart: welche Gaube zu welcher Dachneigung passt.
- Mindesthöhe unter der Schräge: die 2,20-Meter-Regel und ihre Ausnahmen.
- Wohnfläche unter der Schräge: der Rechner für Grundfläche und WoFlV.
- Ausbau bei wenig Höhe: was bei flachen Dächern und wenig Höhe geht.
Welche Form hat Ihr Dach?
Welche Form Ihr Dach hat und was darin steckt, zeigt ein Blick in den Dachraum schneller als jede Zeichnung. Am Telefon sind wir unter 030 8268 9996 montags bis freitags von 7 bis 18 Uhr für Sie da. Wir vereinbaren dann einen kostenlosen Termin auf Ihrem Dachboden. Fotos von Straßen- und Hofseite helfen schon beim ersten Gespräch, und wer lieber schreibt, nutzt das Formular unten auf der Seite.
